Kleine Geschichte Comandante Abels

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Comandante Abel ist eine neugegründete zapatistische Gemeinde. Sie besteht seit Mai 2012, nachdem sie sich aufgrund anhaltender Aggressionen von den nicht-zapatistischen Bewohner*innen San Patricios‘ abgespalten haben. Comandante Abel ist nach einem gefallenen Komandanten der EZLN benannt und gehört zur Zona Norte (dt.: nördliche Zone) des zapatistischem Territoriums in Chiapas und damit zum “Caracol V, dass für alle spricht: Roberto Barrios”.

Konfliktlinien in der Zona Norte: Paramilitarismus

Die Zona Norte ist die Region mit der höchsten Paramilitärpräsenz im Gebiet der Zapatist*innen. Diese sind Teil der Aufstandsbekämpfungsstrategie, die zum Ziel hat die zapatistische Bewegung allmählich zu zermürben (bekannt auch als “Krieg niederer Intensität”). Der “Plan der Kampagne Chiapas 94” enthält genaue strategische Anweisungen:

a) Vertreibung der unter Einfluss der Zapatist*innen stehenden Bevölkerung
b) Neutralisierung der Organisation
c) Festnahme der mit der EZLN in Verbindung stehenden Mexikaner*innen
d) Festnahme und Ausweisung aufrührerischen Ausländer*innen
g) Tötung von Rindern und Pferden
e) Zerstörung von Aussaaten und Ernten
i) Zerschlagung der Unterstützung der Bevölkerung durch Einsetzung von zivilen Selbstverteidigungskräften (-> Paramilitäristische Gruppierungen)

Als direkte Gegenmaßnahme zur zapatistischen Bewegung begannen sich daraufhin Gruppen wie “Desarrollo, Paz y Justicia” (dt.: Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit, welch rosaroter Name!) zu bilden. “Paz y Justicia” ist eine der bis heute noch sehr aktiven Gruppierungen in der Zona Norte, die seit 17 Jahren mit vom Staat finanzierten Waffen gewaltvoll gegen die zapatistischen Unterstützungsbasen vorgeht. In der Zeit von 1995 – 97, unmittelbar nach dem Aufstand der EZLN am 1. Januar 1994, kam es zu zahlreichen Morden, Folterungen, Entführungen, Vertreibungen und Drohungen an Zapatist*innen. Viele Verschwundene werden von ihren Familien noch immer gesucht. Brandstiftungen, Raub von Ernten, Tieren und Besitztümern wurden ebenfalls – wie im Programm zur Aufstandsbekämpfung angekündigt – umgesetzt. Nach 12-jähriger Unterbrechung der über 70 Jahre andauernden Herrschaft, steht aktuell die erneute Machtübernahme der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) vor der Tür. Die Grüne ökologische Partei, welche auch als die “andere Seite des Gesichts der PRI” bezeichnet wird, wird die Regierung von Chiapas übernehmen.

Diese machtpolitischen Umwälzungen sind besorgniserregend, denn diese Umstände scheinen sich zum erneuten Vorteil der Paramilitärischen Einheiten zu entwickeln (während ihrer zurückliegenden Regierungszeit erliess die PRI unter Anderem das Freihandelsabkommen NAFTA was einer der Auslöser für die zapatistische Erhebung war und ging mit Gewalt gegen soziale Bewegungen vor).

Der “Plan der Kampagne Chiapas 94” wird in den drei letzten Punkten (Tötung von Rindern und Pferden, Zerstörung von Aussaaten und Ernten und die Einsetzung von paramilitärischen Gruppen) weiterhin umgesetzt. Davon betroffen ist nicht nur die Zona Norte, sondern auch Gemeinden in anderen Regionen, wie z.B. San Marcos Avilés. In Comandante Abel haben diese Agressionen aktüll, seit Anfang September 2012 ein neues Niveau erreicht.

Konflikt in San Patricio und Neugründung der Gemeinde Comandante Abel

Die “Autonome aufständische Gemeinde San Patricio” entstand 1994 auf zurückerobertem Gebiet. Die paramilitärische Gruppierung “Paz y Justicia” bedrohte und attackierte die zapatistischen Familien in San Patricio über die Jahre immer wieder mit Methoden, die den Prinzipien der “Kampagne Chiapas 94” entsprechen. Das Hauptmotiv der Regierung ist die Nutzung der Strategien um Misstrauen (zwischen den Bewohner*innen einer Gemeinde) zu erzeugen und dadurch den Aufbau des zapatistischen Autonomieprozesses zu behindern. Während die Paramilitäristischen Einheiten von Außen angriffen, beteiligten sich viele Nicht-zapatistische Familien aus der Gemeinde an der Umsetzung des Motives mit Rückendeckung und direkter Unterstützung durch die PRI.

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Im September 2011 erreichten die Agressionen mit der Errichtung provisorischer Unterkünfte durch etwa 100 Paramilitärs am Rande von San Patricio ein neues Ausmass und die Gemeinde stand ab diesem Zeitpunkt fortwährend unter Belagerung. Die Einschüchterungen wurden verstärkt durch Schüsse in die Luft und Drohungen, die Gemeinde zu stürmen, Vieh zu töten und Ernten zu stehlen. Die Aggressor*innen hielten die Zapatist*innen durch physische und psychische Drohungen davon ab ihre Felder zu betreten und verhinderten damit die Gewährleistung ihrer Grundnahrungsmittelversorgung. Mit den Auswirkungen haben die Zapatistas nach wie vor zu kämpfen, denn ihnen fehlen heute Bohnen, eines der wichtigen Grundnahrungsmittel der mexikanischen Landbevölkerung. Die Aussähung der Bohnen wurde ihnen durch die Paramilitärpräsenz unmöglich gmacht. Im Oktober erhöte sich die Anzahl paramilitärischer Aggressor*innen um ca. 60 weitere Personen. Aufgrund der immer angespannteren Situation forderten ebenfalls in der Gemeinde lebende Anhänger*innen verschiedener Parteien den Abzug der paramilitärischen Kräfte aus San Patricio, die sich auch von deren Präsenz gestört fühlten. Es gelang ihnen nach Verhandlungen deren Rückzug zu erreichen. Im Gegenzug dafür gestand der Gouverneur von Chiapas zwei der drei Gemeinden aus denen die paramilitärische Gruppen kamen, Land in der Umgebung zu. Diesen Akt nutze er um sich als “Friedensstifter” öffentlich in Szene zu setzen. Von Frieden konnte jedoch keine Rede sein, denn die Lage in San Patricio blieb weiterhin angespannt, was unter anderem daran liegt, dass nur zwei der drei Gemeinden aus denen die paramilitärischen Aggressor*innen kamen, Land zugesprochen wurde und nun vor allem von der dabei nicht berücksichtigten Gemeinde Aggressionen ausgehen.

Um den Konflikt zu entschärfen und zu dokumentieren gründete ELCOR ( dt. “Raum für den Kampf gegen die Vergessenheit und die Unterdrückung”), Mitglied des “Netzwerkes gegen die Unterdrückung und für die Solidarität” im Herbst 2011 ein ziviles Friedenscamp in San Patricio, in welchem sich seither Menschenrechtsbeobachter*innen aufhalten um Öffentlichkeit über die Verhältnisse in San Patricio zu schaffen und direkten Übergriffen vorzubeugen.

Im Mai 2012 beschlossen die 19 zapatistischen Familien aufgrund anhaltender Agressionen San Patricio zu verlassen und auf einem etwa 100 Meter entfernten, ebenfalls zurückerobertem Territorium eine neue Gemeinde zu gründen. Sie wurden dabei von mehr als 200 Compañer@s aus anderen Regionen unterstützt. Seit Mai entsteht also die neü Gemeinde “Comandante Abel” und die Zapatist*innen sind seitdem dabei die kollektiven Strukturen in der neuen Gemeinde wiederaufzubauen. Die Schule konnte noch nicht wieder in Betrieb genommen werden und noch haben die Compañer@s keine Kirche aber ihre Wohnhäuser stehen und zwei kollektive Läden wurden eröffnet. Der Prozess des Aufbaus und somit die fortschreitende Konstruktion autonomer Strukturen sollte ihnen jedoch nicht gewährt werden.

Aktuelle Vorfälle

Der Rat der Guten Regierung von Roberto Barrios berichtet von einem Angriff und der Besetzung der Gemeinde Comandante Abel. Dieser erfolgte am 6. September 2012 durch zunächst ca. 55 schwer bewaffnete Paramilitärs, deren Anzahl sich am 7. September auf 150 Personen erhöhte. Sie begannen nicht nur die Felder und Ernten der Zapatist*innen zu zerstören, sondern auch sich eigene Unterkünfte zu bauen. Während des Angriffes wurden immer wieder gezielt zahlreiche Schüsse aus großkalibrigen Waffen auf die Bewohner*innen von „Comandante Abel“ abgegeben. Am 11. September berichtet der Rat der Guten Regierung, dass Frauen, Kinder und ältere Personen aus der Gemeinde evakuiert wurden und sich nun in den Bergen aufhalten, da deren Sicherheit durch die anhaltende Bedrohung akut gefährdet sei. In Chiapas ist gerade Regenzeit, es ist fast unmöglich unter diesen Umständen eine ausreichende Lebensmittelversorgung zu gewährleisten und es besteht das Risiko von Krankheiten. Es werden mittlerweile vier Personen (zwei Frauen und zwei Kinder) vermisst.

Aus einer weiteren zapatistischen Unterstützungsbasis sahen sich bereits mindestens 11 Personen zur Flucht getrieben und hielten sich ab dem 11. September ebenfalls schutzlos in den Bergen auf. Die Anführer der Aggressor*innen, Mitglieder der Organisation „Paz y Justicia“, wurden als Mitglieder der PRI, aktuelle oder ehemalige Amtsträger auf Bezirksebene, Polizist*innen und lokale Autoritäten identifiziert.

Der 1994 begonnene Konflikt ist keineswegs Vergangenheit sondern bleibt weiter präsent und nimmt brisante und besorgniserregende Ausmaße an!

Die Rat der Guten Regierung des Caracols Roberto Barrios und ELCOR bitten alle Menschen mit „Gutem Herzen“ die Situation weiterhin zu verfolgen und sich mit den Zapatist*innen aus Comandante Abel und den anderen bedrohten Gemeinden zu solidarisieren!

Diese Zusammenfassung basiert auf Veröffentlichungen von ELCOR, Berichten von in San Patricio gewesenen Beobachter*innen und der aktuellen Anklage durch den zuständigen Rat der guten Regierung.

a) ELCOR Bericht vom 4. August 2012 (spanisch): http://www.cgtchiapas.org/denuncias/cuarto-informe-brigadas-observacion-y-apoyo-nueva-comunidad-comandante-abel

b) Anklage der Junta Roberto Barrios vom 7. September 2012 (dt. Übersetzung):
http://www.chiapas.eu/news.php?id=6616

c) Anklage der Junta Roberto Barrios vom 11. September 2012 (spanisch): http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2012/09/12/la-jbg-nueva-semilla-que-va-a-producir-denuncia-que-continuan-las-agresiones-de-paramilitares-y-la-grave-situacion-de-bases-de-apoyo-zapatistas-en-la-comunidad-comandante-abel/

Stand: 14. September 2012

Zusatz aktuelle Vorfälle:

Die Vertriebenen Mitglieder der zapatistischen Unterstützungsbasen von ´Comandante Abel` und ´Unión Hidalgo` befinden sich derzeit, nach ca. 3 Tagen in den Bergen, in den ebenfalls zapatitischen Gemeinden ´San Marcos` bzw. ´Zaquitel Ojo de Agua`, beide im autonomen Bezirk ´La Dignidad`, offizieller Bezirk ´Sabanilla`.
Die beiden zunächst vermissten Frauen und ihre beiden Kinder befinden sich nun auch in ´San Marcos`. Doch nach wie vor sind die Bedingungen unter denen die Vertriebenen leben äußerst prekär. Vor allem die Frauen und Kinder leiden unter Krankheiten, wie Fieber, Husten, Durchfall und Erbrechen. Einige schwangere Frauen benötigen besondere medizinische Betreuung durch Gesundheitspromotor*innen und Hebammen.

Die in ´Comandante Abel` und ´Unión Hidalgo` verbliebenen Zapatist*innen sind nach wie vor Aggressionen von Angehörigen der offiziellen politischen Parteien und Paramilitärs ausgesetzt. Deswegen können sie weder ihr Land bearbeiten noch Feuerholz suchen, wodurch ihre Ernährungssicherung kaum mehr gewährleistet ist.

Seit dem 16. September 2012 befindet sich auch ein Kontrollposten der bundesstaatlichen Polizeieinheit in unmittelbarer Nähe der Gemeinde ´Comandante Abel`, die aber offensichtlich dem Treiben der Parailitärs keinen Einhalt gebieten will und von der, laut Zeug*innenaussagen, bereits min. 2 Schüsse abgegeben wurde.

Stand: 28. September 2012