Bericht aus San Marcos Avilés, 30. April 2011

In der Gemeinde, in der ich die letzten 2 Wochen war, gibt es ziemlich starke Konflikte zwischen den Mitgliedern der zapatistischen Bewegung und einer Gruppe Aggressor*innen, Anhänger*innen staatlicher Parteien. Unter letzteren befindet sich auch ein Ex-Polizist, und sie haben einige Beziehungen zu Mitgliedern staatlicher Behörden. Im Spätsommer 2010 wurden die 30 Familien der Bewegung aus dem Dorf vertrieben, nachdem sie eine autonome Schule eingerichtet hatten. Über einen Monat lebten sie im Exil (wenige Kilometer entfernt), unter sehr prekären Umständen – Hunger, ohne Wasser, Feuerholz und medizinischer Versorgung. Schließlich kehrten die Familien in Begleitung einer Karawane aus Mitgliedern der Menschenrechtsorganisation Frayba und dem ‚Rat der guten Regierung‘ von Oventic zurück in ihr Dorf. Ihre Häuser und Felder waren geplündert, ihr Land, auf welches sie rechtlich Anspruch haben, und ihre Ernten z.T. geraubt. Seit dem leben diese Familien in einem Zustand ständiger Bedrohung durch min. 30 Aggressor*innen, aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft.

Neben ständigen Drohungen (Gewalt, Tod) wird ihnen immer mehr Land geraubt und damit ihre Lebensgrundlage entzogen. Die Strategie der Betroffenen, in Abstimmung mit dem ‚Rat der guten Regierung‘, besteht bisher (soweit uns das vermittelt wurde und wir wahrnehmen konnten) darin auf die Bedrohungen und Aktionen der Aggressor*innen nicht zu reagieren. Aufgrund der starken Bedrohungssituation werden seit Anfang April 2011 Beobachter*innen in die Gemeinde geschickt. Meine Mitstreiter*innen und ich waren quasi die 2te Gruppe vor Ort. Als wir ankamen waren weitere Beobachter*innen bereits seit einer Woche dort.

Wir waren in dem Haus einer der Familien untergebracht, die jenes zugunsten der Beobachtung z.T. aufgegeben hat – sie lebt nun zu sechst (mit 4 kleinen Kindern) in einem Drittel des Hauses, die anderen 2 Drittel dienen den Beobachter*innen als Unterkunft. Das Holzhaus mit Sandboden & elektrischem Licht, befindet sich auf einer kleinen Freifläche, mit Küchenhütte, Freiluftbad und mehr-oder-weniger Gemeinschaftslatrinen, was alles mit der Familie geteilt wird. Angrenzend an die Fläche, auf einer benachbarten erhöhten Fläche
wohnt einer der bewaffneten Aggressoren, welcher von seinem ‚Grundstück‘ aus einen weitreichenden Blick auf das Gelände und die Unterkunft der Familie & der Beobachter*innen hat. Dieser Nachbar hat im vergangenen Spätsommer 2010 auf die Mutter der Familie und ihre 4-jährige Tochter geschossen, vermutlich in betrunkenem Zustand. Die beiden wurden dabei wohl nicht verletzt.

In der näheren Nachbarschaft leben weitere Aggressor*innen. Durch diesen Umstand haben sowohl die Familien, als auch die Beobachter*innen wenig Bewegungsfreiheit. Aus Gründen der Sicherheit bewegt sich quasi niemand alleine in der Gemeinde. Die Arbeit auf ihren noch verbliebenen Feldern besorgen die Familien immer kollektiv. Die Aufgabe der Beobachter*innen besteht neben der Präsenz darin, die Männer auf dem Weg zu ihren Feldern oder zum Besuch der autonomen Kirche (katholisch) zu begleiten. Dabei wird darauf geachtet, dass auch diese immer in Gruppen von min. 2 Personen unterwegs bzw. in der Unterkunft sind. Des weiteren wird darauf geachtet, dass der jeweilige Rückweg immer ein anderer, als der Hinweg ist. Ich selbst fungierte 3x als Begleitung – zur sonntäglichen Kirchenmesse, zum Bau der neuen, größeren Kirche und zur Arbeit auf dem Feld, zur Vorbereitung des Bodens für die Saat. Wir wurden immer schon sehr früh – 6 Uhr morgens – abgeholt und sind in der Gruppe zum jeweiligen Ziel gegangen. Die Männer hatten stets ihre Funkgeräte dabei, um untereinander im Kontakt zu bleiben, und wir unsere Fotokameras, zur Dokumentation.

Dokumentiert wurde:

- geraubte Felder, die nun von den Aggressor*innen bearbeitet werden bzw. innerhalb der Gemeinde verkauft wurden;
- unrechtmäßig geschlagene Bäume, in kommunalen Besitz – das Holz wird vermutlich zum Bau von Häusern oder kommerziellen Zwecken verwendet, diese Fällaktion wird nun den Mitgliedern der zapatistischen Bewegung vorgeworfen;
- während der ersten 3 Wochen Anwesenheit von internationalen Beobachter*innen, gab es sowohl ständige Drohungen gegen die Familien (inklusive Landraub und gewalttätigen Aktionen), als auch gegen die Beobachter*innen.

Drohungen und Aktionen gegen die Familien:
- vermutlich gezielte Platzierung eines Einwegrasierers und eines Metallstabes direkt vor das Haus eines Compas, in der Nacht, was als Morddrohung interpretiert wurde;
- gewalt- und Mordandrohungen im Falle einer Wiederbesetzung der geraubten Felder;
- auf dem Weg zur autonomen Kirche wurde eine Gruppe Compas von einem Aggressor*innen verbal und tätlich (mit Steinwürfen) angegriffen – der Stein verfehlte sein Ziel, niemand wurde verletzt, nach dem Kirchenbesuch gab es erneute verbale Beleidigungen/ Drohungen gegenüber den in der Kirche anwesenden Frauen, denen die Kleider vom Leib gerissen werden sollten;
- ein weiterer Angriff gegen Mitglieder der Bewegung ereignete sich in einer benachbarten Gemeinde, wo 3 Häuser angezündet wurden, darunter ein Laden und eine autonome
Apotheke. Die Apotheke war die einzige in der Region. Auch ein Katalog über natürliche Heilpflanzen, die in der Region vorkommen, und deren Verarbeitung & Anwendung ist
verbrannt. Nun haben die Compas kaum mehr Zugang zu medizinischer Versorgung. Bei den nächtlichen Brandstiftungen wurde eine Frau am Rücken verletzt. Die Männer der Familien unserer Gemeinde waren später vor Ort um den Bewegungsmitgliedern der Nachbargemeinde beim Wiederaufbau der Häuser zu helfen und die Schäden mit einer unserer Kameras zu dokumentieren.