Bericht aus San Marcos Avilés, 10. Juni 2011

Das war nun schon mein 2ter Aufenthalt in dieser Gemeinde – da diese zur Zeit absolute Priorität hat, wurden alle (nicht viele!) freiwilligen Beobachter*innen, die den Montag bei
der Organisation in San Cristóbal waren, dorthin geschickt – drum brauch ich ja nicht noch mal den Konflikt detailliert erläutern. Nur soviel: Vor dem offiziellen ´Beginn` der Bewegung 1994, war das Gebiet eine große Hacienda, also Landbesitz in Händen einer einzigen Familie. Dann wurde das Gebiet von Mitgliedern der zapatistischen Bewegung besetzt und 1998 als Ejido (unverkäufliches Gemeindeland in Besitz der Regierung aber von indigenen Einwohner*innen zum Eigenbedarf bewirtschaftet) legalisiert. Ab diesem Zeitpunkt spalteten sich Teile der Bewegung in dieser Gemeinde ab, traten anderen offiziellen Parteien bei, wodurch es zur aktuellen Spaltung der Gemeinde kam. Grund für die Abspaltungen waren v.a. ökonomische Anreize in Form von Regierungsprogrammen, wie finanzielle Unterstützung. Die Eskalation erfolgte durch die Errichtung der autonomen Schule, im Sommer 2010, ohne die vorherige Erlaubnis der Ejidoautoritäten. Diese sehen darin eine Abspaltung der Bewegungsmitglieder vom Gemeindeleben.

Der Weg in die Gemeinde (ca. 7 h mit öffentlichen Transportmitteln) hat reibungslos geklappt, da ich mich ja auch schon etwas auskannte. Beim Wiedersehen in der Gemeinde
gab es positiv verdutzte Gesichter, die meisten konnten sich wohl noch mehr oder weniger an mich erinnern. Seit meinem letzten Besuch, vor gerade mal 4 Wochen, hat sich nicht viel verändert: die neue Kirche ist fertiggestellt (hat aber noch kein Licht); der autonome Schulbetrieb funktioniert nach wie vor nicht (Aufgrund der verschärften Konfliktsituation); die
Bedrohungen gehen weiter. Die Compas erklärten sie wüssten nicht wie lange sie diese Situation permanenter Bedrohung noch aushalten könnten und drängen auf konkrete Aktivitäten der Organisation in San Cristóbal (z.B. öffentliche Denuncias). Die Drohungen richteten sich während unseres Aufenthaltes nur gegen die Compas, nicht gegen uns Beobachter*innen.

Es gab mindestens eine Morddrohung gegen 4 Einzelpersonen, welche als die „Organisatoren“ der Bewegung in der Gemeinde beschuldigt werden. Dabei wurde ein Compa, dem diese Drohung übermittelt wurde, ziemlich grob behandelt. Des weiteren wurden mehrere Bäume in einer Parzelle (Landstück der jeweiligen Campesin@s zur Bepflanzung) gefällt, die als Schattenspender für Kaffeepflänzchen dienen, und nahe einer Parzelle mind. 2 Schüsse aus sehr geringer Entfernung gehört. Für diese Geschehnisse konnten zwar keine unmittelbaren Täter*innen ermittelt werden, doch die Compas sind sich ziemlich sicher, dass die bekannten Aggressoren dahinterstecken, von denen einige ihre Parzellen in unmittelbarer Nähe haben. Ein andermal wurde beobachtete, wie einer der ´Parteiler` (Parzellennachbar) ein Stück Land (1 Tarea = 100×5 m) eines Compas bearbeitete (aussähen) und es sich damit auch aneignet. Bei all diesen Vorfällen und Bedrohungen bleiben die Compas stets total defensiv und reagieren nicht darauf, um die Situation nicht weiter zu verschärfen. Währendessen versuchen die Aggressor*innen die Compas, wegen der Licht- & Ejidosteuer (welche die Compas nicht zahlen) bei Behörden zu denunzieren und über diese die Regierung auf jene anzusetzen. Des weiteren versuchen die Aggressor*innen Unterstützung von Personen der umliegenden Gemeinden zu erhalten, darunter Personen in Behördenpositionen, aber auch Personen die wohl schon wegen Mordes inhaftiert waren, gute Kontakte zu Soldaten haben und leicht an Waffen ran kommen … sie versuchen also nun, weniger durch Einschüchterung der internationalen Beobachter*innen, denn durch externe Akteure den Druck auf die Compas zu erhöhen. Neben dem Konflikt bzw. als dessen Konsequenz ist und bleibt die Versorgungssituation mit Lebensmitteln der Compas schwierig. Dank des allmählich einsetzenden Regens konnten sie zwar anfangen Mais und Bohnen auszusäen, welche sie in 3-4 Monaten ernten können, aber bis dahin sind sie auf externe Unterstützung angewiesen. Doch darüber hinaus haben sie Sorge, selbst nach erfolgreicher Ernte keine ausreichende Ernährungssicherheit zu haben, da sie ein Grossteil ihres Anbaulandes verloren haben und dementsprechend nicht genügend anbauen können.

Außerdem besteht die Sorge einer zunehmenden Militarisierung der Region, durch Betreiben der Parteianhänger*innen (staatliche), die eine stärkere militärische Präsenz – für die Sicherung der staatlichen finanziellen Unterstützungsmittel, nachdem vor kurzem bei einem Überfall (Vermummte mit Funkgeräten) das Regierungsgeld geklaut wurde – über
behördliche Stellen erwirken, wovon sie sich eine stärkere Behinderung der kollektiven Organisation der Compas erhoffen. Zwar gab es diesmal nicht jeden Tag Drohungen bzw. haben uns das die Compas nicht übermittelt, aber wir konnten gelegentlich ihren Funk mitverfolgen und dabei auch häufig aggressive Nachrichten und offensichtliche Drohungen heraushören, auch ohne die Worte genau zu verstehen.

Aber nun komme ich mal zu den positiveren Dingen … das Schöne in dieser Gemeinde ist: es gibt immer jemanden zum reden, Tzeltal lernen, Karten spielen und v.a. Kinder mit denen mensch sich die Zeit vertreiben kann. Da Lieblingsspiel der Kinder war bald ‚a la Basura‘ – dabei mussten wir sie uns über die Schultern werfen, zum Abhang gehen und so tun als würden wir sie darunter werfen wollen. Sehr viel Spaß hatten sie auch beim ‚Flugzeug‘ spielen oder, wenn wir sie einfach sonst wie durch die Luft gewirbelt haben. Bei den sonntäglichen Kirchengängen konnten wir uns auch die Zeit mit den Kleinen vertreiben, da wir der Messe – in der indigenen Sprache Tzeltal gehalten – sowieso nicht folgen konnten. Diesmal wurde auch die Kommunion am Ende der Messen erteilt wozu auch wir eingeladen wurden, jedoch zogen wir es vor, trotz mehrmaliger Aufforderung, darauf zu verzichten.

Nach einer Messe gab es eine Geburtstagsfeier eines 1-jährigen Kindes. Ganz schön aufwendige Fiesta, inklusive Segnung des Kindes samt der Eltern, Verköstigung und Liveband, zu der alle Compas (30 Familien) und auch wir eingeladen waren. Die ‚Horacion‘ lief wie folgt ab: der Pater und einige der Compas haben Wasser in einer Plastiktasse gesegnet und Dankesgebete gemurmelt. Anschließend wurden 2 Kleinkinder samt ihrer Eltern mit Zuhilfenahme eines Blumenbüschels mit dem Wasser bespritzt (auf den Kopf), welches sie anschließend nacheinander austranken und sich bekreuzigten. Danach wurde zum Essen geladen, auch wir, was ich schon befürchtet hatte. Wir wurden in den ´Speiseraum` geführt wo auf 2 Tischen (ohne Stühle) mitten im Raum Gedecke mit diversen Hühnchenteilen in Soße serviert waren. Dazu gab es Reis und jede Menge Tortillas. Da stand ich nun – Vegetarierin – vor ner Schale mit irgendetwas undefinierbarem vom Huhn darin. Die Compas haben kräftig zugelangt, nur einer meiner Mitstreiter (auch Vegetarier) und ich zögerten. Er hat sich schließlich dazu durchgerungen etwas von seinem Hühnchen zu essen, ich hab mich dann doch nur mit Tortillas und Reis begnügt und meine Schale unberührt gelassen. Die Compas haben natürlich genau beobachtet was wir treiben, v.a. meinen einen Mitstreiter, der Probleme hatte das Hühnchen ohne Besteck zu verzehren. Ich glaube darüber haben sie sich etwas amüsiert oder aber sie waren auch etwas besorgt, dass es uns so gar nicht schmecken würde. Die Blicke die wir beide also ernteten waren eine Mischung aus leichten Zweifeln und Besorgnis mit einem kleinen Hauch Unverständnis. Wieder eine Situation, die für mich in 2-facher Weise befremdlich & etwas unangenehm war.

Zum einen, da ich aus der gängigen Geschlechtertrennung herausfiel und als einzige Frauzusammen mit den männlichen Compas aß (auch während der Messe sitzen Frauen und
Männer auf getrennten Seiten, wobei mir trotzdem ein Platz bei meinen männlichen Mitstreitern auf der ‚Männerseite‘ zugewiesen wurde). Zum anderen hatte ich Sorge, dass
meine Weigerung das Fleisch zu essen falsch aufgefasst werden könnte, unhöflich und irgendwie respektlos wirken könnte. Naja, zumindest konnte ich keine Kritik darüber von
Seiten der Compas spüren.Gegen Abend besuchten wir noch einmal die Fiesta, wo nun auch getanzt wurde, was ein herrlicher Anblick war: zum einen tummelten sich zahlreiche Kinder auf der ‚Tanzfläche‘ – hoch motiviert rumhüpfend –, die Älteren bewegten sich etwas ‚freestyle‘-mäßig, aber doch mehrheitlich paarweise – auch hier mit strikter Geschlechtertrennung – im immer gleichen Rhythmus, relativ homogen. Zunächst tanzten fast nur Frauen und die Kinder. Schließlich wagten sich auch die Männer – auch paarweise – auf die ‚Tanzfläche‘. Während sich die Tanzwütigen austobten, standen die übrigen Männer am Rand und die Frauen saßen zusammen auf der anderen Seite. Wir standen wieder bei den männlichen Compas am Rand und ‚tanzten‘ mit einigen Kindern an Ort & Stelle, wobei hier die Geschlechtertrennung nicht so strikt eingehalten wurde. Einer meiner Mitstreiter wurde dann auch zum Tanz mit einigen Compas aufgefordert, deren Bitte er nachkam und einiges Lob für seine Tanzkünste erntete. Sehr eigentümlich und ein bisschen witzig anzusehen war die wohl gängige Angewohnheit der Tanzenden die ´Tanzfläche` kurz vor Ende der jeweiligen Lieder kollektiv zu verlassen, um kurz nach Beginn des nächsten Liedes in gleicher Formation auf die ‚Tanzfläche‘ zurückzukehren. Dieses Verhalten erklärt sich mir durch die sehr schüchterne Art der Compas.

Leider konnten wir aus den vermeintlich unterschiedlichen Liedern – ohne Gesang – keine Unterschiede heraushören und haben uns bereits nach einer reichlichen Stunde schon
wieder von der Fiesta verabschiedet. Diese ging noch bis ca. 22 Uhr, was schon reichlich spät ist da die Compas sich meist schon vor 21 Uhr zur Nachtruhe verabschieden.
Sonst sind wir kaum aus unserem ´Lager` herausgekommen – und wenn, wie immer, nur in Begleitung – außer zusammen mit einigen Compas auf ihre Felder, wo gerade Mais und
Bohnen ausgesät wurden. Wir haben auch mitgeholfen, wenn mensch das so nennen kann, da wir manchmal den Eindruck hatten ohne uns wäre es wohl um einiges schneller gegangen
- die Maiskörner wurden in einem Abstand von ca. 1m in ein kleines, mittels eines langen Holzstabes in die Erde gestoßenes, Loch geworfen, zwischen diese kamen dann die Bohnen,
ebenfalls in kleine, mit der Machete gestochene, Erdlöcher – da uns die Compas immer zeigen mussten wohin wir die Maiskörner und Bohnen werfen mussten. Auch hier kam es
wieder zu einer Situation – als explizit mir min. 2x gesagt wurde, ich müsse nicht mitarbeiten und könne mich doch ausruhen – in der mir die traditionelle geschlechtliche Rollenverteilung leicht auf’s Gemüt schlug.

Die restliche Zeit haben wir der Familie, das heißt eigentlich eher der Frau, bei den alltäglichen Arbeiten – Maispulen, mahlen, zu Brei kneten und Tortillas machen – etwas
geholfen, wieder viel gelesen, das Sozialverhalten von Ameisen und Hühnern studiert und uns manchmal über sie lustig gemacht (ein Fazit: Ameisen haben keinen Feierabend, und der kleine super hässliche Hahn hat den prächtigen großen Hahn locker eingesteckt, wenn es darum ging potenzielle Futterfeinde zu vertreiben), uns über die 13 frisch geschlüpften
Küken gefreut, und natürlich versucht uns mit den Compas in einem Tzeltal-Spanisch- Kauderwelsch zu unterhalten. Es war also wieder eine tolle Zeit und im Vergleich zu meinen letzten Aufenthalt für uns Beobachter*innen etwas ruhiger und entspannter.

Sale y tzin‘to