Bericht aus San Marcos Avilés, 9. Juli .2011

Liebe Menschen!

Hier also ein bisschen mehr dazu, wie es mir in meinen letzten zwei Wochen so ergangen ist.

Zusammen mit zwei anderen wurde ich in eine Gemeinde in den “Altos”, der Hochebene nördlich von San Cristóbal geschickt, wo vor allem Tzeltal gesprochen wird. Die comunidad ist 1994 im Rahmen des zapatistischen Aufstandes durch die Besetzung einer Hacienda (eines großen Territoriums im Besitz eines Großgrundbesitzers) durch viele zapatistische Familien entstanden. 1998 wurde die comunidad als “Ejido” legalisiert, das heißt, als Land in Gemeindebesitz, das dann in der Regel als Parzellen unter den Familien aufgeteilt wird. Im Laufe der kommenden Jahre verließen viele Familien der Gemeinde die EZLN und schlossen sich diversen politischen Parteien an, um so leichter in den Genuss staatlicher Unterstützungsprogramme zu kommen. Die comunidad blieb jedoch bestehen und organisierte das Gemeindeleben trotz der unterschiedlichen “Zugehörigkeiten” über viele Jahre hinweg gemeinsam. Das änderte sich im August vergangenen Jahres, als die zapatistischen Familien – gemäß dem zapatistischen Streben nach dem Aufbau autonomer, regierungsunabhängiger Strukturen – eine eigene Schule in Betrieb nehmen wollten. Die parteiangehörigen Gemeindeautoritäten stellten sich dem Plan der Zapatistas entgegen. Als diese dann einen nichtgenutzten Teil des Hauses eines “compas” (so nennen sich die Zapatist_innen untereinander) zu diesem Zweck verwenden wollten, wurde ein zum Drahtzieher auserkorener “compa” einen Tag eingesperrt und aufgefordert, eine sehr hohe Strafe zu zahlen sowie die Organisation zu verlassen. Nachdem dieser sich weigerte, eskalierte die Situation immer weiter: Die “partidistas” ernteten die Kaffeeparzelle der Zapatist_innen ab; als diese sich näherten, wurden sie beschossen. Nur mit viel Glück gab es keine Verletzten. Gleiches geschah mit ihren “milpas” (Feldern, auf denen Mais und meist Bohnen und Kürbis im Mischanbau kultiviert werden). Um eine Auseinandersetzung mit Verletzten oder Toten zu vermeiden, flüchteten sämtliche zapatistischen Familien (ca. 30, d.h. ca. 170 Leute!) aus der comunidad und campierten ca. einen Monat unter prekärsten Bedingungen in einer anderen Gemeinde. Nach dieser Zeit kehrten sie – in Begleitung von Frayba und der Junta (“Rat der guten Regierung”, dem regionalen zapatistischen Verwaltungsgremium) – zurück und zogen wieder in ihre Häuser ein, aus denen jedoch fast alles gestohlen worden war. Die Felder, die ihnen genommen wurden, können sie jedoch weiter nicht nutzen, im Gegenteil, es kam zu weiteren Enteignungen und Zerstörungen von Parzellen. Daher ist auch die ökonomische Situation der “compas” sehr prekär, da ihnen ein großer Teil ihrer Existenzgrundlage genommen wurde. Die Kinder gehen seit Juli nicht mehr zur Schule. Zudem kommt es seitdem häufig zu zum Teil heftigsten Bedrohungen. Um eine offene Auseinandersetzung zu vermeiden, fährt die EZLN einen Nichtkonfrontationskurs. Zu einer Verbesserung der Situation kam es jedoch nicht. Daher bat die Gemeinde im Frühjahr diesen Jahres um die Einrichtung eines “campamentos”. Wir waren also eine der ersten Gruppen, die dort präsent war.

Auch in der Zeit unserer Anwesenheit kam es zu unschönen Vorfällen. Gegen vier “compas” wurde eine offene Morddrohung ausgesprochen. Fast alle Familien der “partidistas” verfügen über eine Waffe und knüpfen Kontakte zu “Verbündeten” in umliegenden Dörfern. Zudem nahmen sie Kontakt zu den Behörden auf, um sich deren Unterstützung zu versichern. Auf der Parzelle eines “compas” wurden Bäume niedergebrannt, die als Schattenspender für den Kaffeeanbau dienten.

Nachdem am zweiten Tag das mit der Morddrohung passiert ist, dachte ich schon, dass die Situation sich in der Zeit unserer Anwesenheit massiv zuspitzen könnte. Im Endeffekt war das der einzige Vorfall dieser Dimension, die restliche Zeit wurde es etwas ruhiger. Allerdings ist auch diese prekäre “Ruhe” unheimlich angespannt, denn die Versorgungssituation bleibt schwierig, die “partidistas” organisieren sich gegen die Zapatist_innen, die Bedrohungen stehen im Raum, und die “compas” fürchten, dass diese eines Tages in die Tat umgesetzt werden könnten. Zudem besteht die konkrete Gefahr einer Militarisierung der Gegend, da die “partidistas” – nachdem vor einigen Wochen unbekannte Täter einen Transporter, der Unterstützungsmittel in verschiedene Gemeinden bringen sollte, überfallen haben – regelmäßige Militärpatroullien beantragt haben. Dies hätte zwar erstmal nicht viel mit dem Konflikt in der Gemeinde zu tun, könnte sich aber angesichts des angespannten Verhältnisses zwischen Regierung und Zapatist_innen unter Umständen letztlich auch gegen letztere wenden.

Seit Einrichtung des campamentos ist es leider nicht zu einer erheblichen Verbesserung der Lage bekommen; die Bedrohungen und Enteignungen haben sich fortgesetzt. In der Zeit der ersten campamentos wurden seitens der “partidistas” auch Bedrohungen gegen die internationalen Beobachter_innen ausgesprochen. Dergleichen ist in “unseren” zwei Wochen ausgeblieben. Der wichtigste Zweck des Camps ist also derzeit die Präsenz, die Dokumentation der Vorfälle sowie deren Kommunikation mit Frayba. Eine Lösungsstrategie muss dann im Einvernehmen der betroffenen Familien in der Gemeinde, der zuständigen Junta und Frayba gesucht werden. Einfach wird das angesichts der verfahrenen Situation und der verhärteten Fronten sicher nicht.

Unser campamento hatten wir in einem Haus, das wir uns, durch eine Holzwand getrennt, mit einer Familie mit vier tollen Kindern (ungefähr zwischen 2 und 8 Jahren) geteilt haben. Dort konnten wir unsere Hängematten aufhängen. Auch die Küche haben wir uns mit der Familie geteilt. Es gab zwei Feuerstellen, auf denen wir unser mitgebrachtes Essen kochen konnten. Aufgrund der Sicherheitslage konnten wir nicht ohne Begleitung durchs Dorf spazieren und haben daher die meiste Zeit in oder auf dem Platz vor unserem campamento verbracht, viel gelesen, mit den Kindern gespielt, den Hühnern beim Viecherjagen zugeguckt, usw. Abends kamen aber meist einige bis viele “compas” (wenn auch oft nur die Männer) vorbei und haben mit uns gequatscht, Karten gespielt usw. Nur ein paar konnten gut Spanisch, so dass wir auch ein paar Brocken Tzeltal gelernt haben. Ein paar mal sind wir aber doch rausgekommen aus unserem beschränkten Bereich. Sonntags waren wir zweimal in der Kirche (ja, ich war in der Kirche!), die die Zapatist_innen (die dort ziemlich religiös sind) vor einigen Wochen gebaut haben, damit sie sich nicht mit den Aggressoren in eine Messe setzen müssen. Am letzten Sonntag war im Anschluss außerdem eine Fiesta, anlässlich des einjährigen Geburtstags einer oder eines “compa”, wo es ein (leider sehr fleischiges) Festessen gab und eine Band gespielt hab. Abends wurde auch getanzt, zu “música regional”, wie die das genannt haben. Hab mitgetanzt, erst ein bisschen mit ein paar Kindern, dann mit einem “compa”, der einen ganz schön schnellen Schritt draufhatte ;) Und zweimal haben wir “compas” beim Säen von Bohnen (Spanisch: frijol, Tzeltal: tschenek) und Mais (maíz oder ischim) auf ihrer milpa geholfen. Naja, “geholfen” ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck, weil sie uns immer sagen mussten, wo wir denn jetzt die Bohnen oder Maiskörner genau reinwerfen wollen, und sie ohne uns vielleicht nicht unbedingt weniger lange gebraucht hätten.

Alles in allem fand ich es sehr schön in der Gemeinde, vor allem wegen der supernetten und offenen “compas”. Mit meinen Mitcampamentistas war’s auch cool. Und für ein altes Stadtkind wie mich war’s natürlich auch cool, mal zwei Wochen wirklich auf dem Land zu leben, Säen zu lernen, über offenem Feuer zu kochen, der Familie beim Entkernen und Mahlen von Mais zu helfen (um daraus Tortillas oder Pozol zu machen), etwas über das Sozialverhalten der Hühner und Ameisen und Glühwürmchen herauszufinden, mal eine Tarantel über meinen Schuh laufen zu sehen, und natürlich mich von den 13 Küken verzücken zu lassen, die in der zweiten Woche plötzlich aufgetaucht sind… und vieles mehr.

Mal sehen, wohin es mich in der nächsten Woche verschlägt…

Liebe Grüße an alle!

Jxap :)