Bericht der zivilen Beobachtungsmission in San Marcos Avilés

Zusammenfassung:

Das Netzwerk für den Frieden Chiapas (RED por la Paz Chiapas), bestehend aus verschiedenen zivilen Friedens- und Menschenrechtsorganisationen, führte am 21. und 22. April 2013 eine Beobachtungsmission in San Marcos Avilés, Landkreises Chilón, durch.

Während ihres Besuches in der gespaltenen Gemeinde wurden Zeug*innenaussagen der zapatistischen Unterstützungsbasis (BAEZLN), zu den Bedrohungen und Menschenrechtsverletzungen durch Parteianhänger*innen derselben Gemeinde, aufgenommen und die prekären Lebensbedingungen dokumentiert.

Die Beobachtungsmission stellte die gestiegenen Aggressionen und Bedrohungen der letzten Monate fest, was zu einer Situation genereller Unsicherheit für die BAEZLN, v.a. für die Frauen und Kinder, geführt hat. Dies spiegelt sich täglich darin wieder, dass die Frauen ihren Arbeiten außerhalb des Hauses nicht mehr nachgehen können, weil sie, wie von den Parteianhängern wiederholt angedroht, sexuelle Gewalt (Vergewaltigungen) befürchten müssen. Die Männer können nicht mehr alleine auf ihren Feldern arbeiten, sondern müssen stets in Gruppen ihrer Arbeit nachgehen, wobei sie mit dem Tod bedroht werden. Schließlich können auch die Kinder nicht mehr außerhalb des Hauses spielen (oder ihre Eltern mit wichtigen Aufgaben wie Feuerholzsuchen unterstützen), weil auch ihnen immer wieder Gewalt und Tod angedroht wird.

„ … wir können wegen der Drohungen nicht alleine weggehen. Unsere Ehemänner gehen jeweils zu dritt arbeiten, obwohl sie ihnen drohen, sie zu töten, und uns damit, uns zu vergewaltigen.“

Diese Situationen permanenter Aggressionen hat schwere psychologische Folgen, erzeugt Schlafmangel und wirkt sich gravierend auf die emotionale Entwicklung der Kinder aus.

„Wir alle leiden durch diesen Konflikt, diese Kaffeeernte haben wir unter Angst gemacht. Eines Tages, als ich zum Haus zurückkehrte, hatten sie Hühner gestohlen, die Schweine vergiftet und andere Dinge gestohlen. Sie sagen auch, dass wenn die Frauen alleine ausgehen, sie uns vergewaltigen werden. Vor zwei Jahren ist meine 10-jährige Tochter gestorben. Das Mädchen ist an Trauer gestorben, weil sie ihr viele Male sagten, dass sie sie vergewaltigen werden. Dieses Leid der Frauen kommt durch die Befürchtungen, dass die Männer sie vergewaltigen.“

Die Aggressionen und Demütigungen erleiden sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur zapatistischen Bewegung.

Neben verbalen Angriffen und Drohungen kommt es regelmäßig zu Diebstählen in und um die Häuser und Felder, v.a. von Nahrungsmitteln und Kaffeepflanzen, oder direkter Beschlagnahmung von Anbauland, weshalb eine besorgniserregende Mangelernährung innerhalb der BAEZLN herrscht.

In den letzten Monaten haben die Aggressor*innen (Parteianhänger*innen) immer wieder Morddrohungen gegen Angehörige der BAEZLN ausgesprochen und planen dies in privaten Versammlungen, was durch Zeug*innen, die unbenannt bleiben wollen da sie ebenso Gewaltreaktionen befürchten, bekundet wurde.

Während ihres Aufenthalts wurde auch die Karawane von den Parteianhänger*innen bedroht. Die Aggressor*innen versammelten sich und bekundeten, dass sie keine Einmischung von Außerhalb dulden und forderten die Herausgabe der Fahrzeuge und drohten mit Gewalt, wenn diese nicht freiwillig herausgegeben werden.

Die Mitglieder der Beobachtungsmission baten auch um Treffen und Gespräche mit kommunalen Behörden von Chilón, um ihre Sorge über die Gewalteskalation auszudrücken und um Möglichkeiten für die Rückgabe der gestohlenen Ländereien der BAEZLN und Respektierung der Rechte der Völker auf Autonomie und Selbstbestimmung zu fordern.
Während der Treffen mit dem Regierungsdelegierten der Region, Nabor Orosco Ferrer, dem Kommunalverwalter Francisco Guzmán Aguilar und anderen Kommunalbeamten, erkannten die Behördenvertreter die Vertreibung (August 2010) und Enteignungen der BAEZLN an, bestritten aber eine aktuelle Gewaltsituation bzw. machten politische Interessen einiger nicht benannter Personen für die Gewaltprovokationen verantwortlich.

Die beteiligten Friedens- und Menschenrechtsorganisationen bekunden ihre große Sorge wegen der anhaltenden Verletzungen der persönlichen und psychischen Integrität der BAEZLN sowie der unmittelbaren Gefahr einer erneuten gewaltsamen Vertreibung und beklagen das Nicht-Eingreifen und die Duldung der Menschenrechtsverletzungen durch die chiapanekische Regierung. Sie fordern diese auf, Maßnahmen zur Gewährleistung der Rechte der BAEZLN, Gesundheit, Nahrung, Bildung, Wohnung, Freizügigkeit und persönliche Integrität, zu ergreifen sowie die Autonomie und ihr Recht auf Selbstbestimmung als indigene Völker zu respektieren.

Die Mitglieder des Netzwerkes für den Frieden

Comité de Derechos Humanos Fray Pedro Lorenzo de La Nada (CDHFP)
Centro de Derechos Indígenas A.C. (CEDIAC)
Servicios y Asesoría para la Paz A.C. (SERAPAZ)
Comisión de Apoyo a la Unidad y Reconciliación Comunitaria, A.C. (CORECO)
Desarrollo Económico y Social de los Mexicanos Indígenas, A.C. (DESMI)
Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba)
Educación para la Paz, A.C. (EDUPAZ)
ENLACE, Comunicación y Capacitación, A.C. (ENLACE CC)
Servicio Internacional para la Paz (Sipaz)
Centro de Derechos de la Mujer Chiapas, A.C. (CDMCH)

Bericht original (spanisch): http://www.frayba.org.mx/archivo/noticias/130425_informe_red_paz_mision_observacion_san_marcos_aviles.pdf